"Familie ist und bleibt für mich die Keimzelle der Gesellschaft"

Aus der Rede des damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler beim Jahresempfang der Evangelischen Akademie Tutzing am 18.01.2006 in Tutzing:

 

"... Ich möchte über das Glück sprechen, das jeder einzelne neue Erdenbürger seinen Mitmenschen bringen kann ... Wo Kinder sind, da ist Familie. Hier, in der Familie, wird das Fundament gelegt für unser aller Zusammenleben. Familie ist und bleibt für mich die Keimzelle der Gesellschaft. In lebendigen Familien wird geübt, was für den Zusammenhalt der Gesellschaft insgesamt wichtig ist: Fürsorge, Zuwendung, Verantwortung für andere, die Fähigkeit, verlässlich zu sein, Bindungen einzugehen und zu pflegen. Hier wird Kindern mit auf den Weg gegeben, was sie für das Leben brauchen: Wissen und Fähigkeiten. Hier wird gelebt, was in einer alternden Gesellschaft immer wichtiger, aber vielleicht auch immer schwieriger wird: die Solidarität zwischen den Generationen. Hier finden Menschen, was in der globalisierten und individualisierten Welt immer kostbarer wird: Verwurzelung und Gemeinschaft.

Wir können die Leistungen gar nicht hoch genug achten, die Familien tagtäglich erbringen. Darum ist es mehr als nur eine Privatsache, ob Familien entstehen können und wie es ihnen geht in unserem Land. Wir müssen alles tun, um die Familien zu schützen und bei Fürsorge und Erziehung zu unterstützen - das ist mit gutem Grund ein Auftrag unseres Grundgesetzes ...

 

Kinder brauchen ihre Eltern. Nichts kann die Erfahrung von unbedingter Liebe und verlässlicher Bindung gerade für die frühkindliche Entwicklung ersetzen. Aus dieser Erfahrung entspringt jenes Urvertrauen, das uns zu selbstbewussten, verantwortungsvollen, liebesfähigen Menschen macht. Kinder brauchen feste Bezugspersonen. Das können auch Großeltern, Erzieherinnen und Betreuer in Kindertagesstätten oder Tagesmütter sein. Gute Kinderbetreuung ist viel mehr als bloße Verwahrung von Kindern, deren Eltern arbeiten müssen oder möchten. Gute Kinderbetreuung schafft besondere Orte, an denen Kinder miteinander spielen, lernen und am Zusammensein mit anderen wachsen.

Wir wissen, wie wichtig die Erfahrungen der allerersten Lebensjahre sind, wie sehr sich in diesen Jahren entscheidet, ob ein Kind sich entfalten kann oder verkümmert. Deshalb ist es so wichtig, gute Betreuungseinrichtungen gerade für all diejenigen Kinder zu schaffen, die zu Hause nicht genügend Fürsorge und Anregung bekommen. Gerade sie, denen niemand vorliest und mit denen keiner ins Museum, zum Bastelkurs oder auf den Sportplatz geht, brauchen Orte, an denen sie Anregung und Orientierung finden. Das ist ein ganz entscheidender Beitrag zu größerer Chancengerechtigkeit - übrigens auch für Kinder, deren Eltern aus anderen Kulturen stammen. Gute Betreuungsangebote helfen ihnen, in die Gesellschaft hineinzuwachsen und schon früh und selbstverständlich Deutsch zu lernen.  

Eine gute Kinderbetreuung schützt auch vor Vernachlässigung durch die Eltern. Wir wissen: Es gibt Mütter und Väter, die ihrer Sorgepflicht und ihrem Erziehungsauftrag nicht gerecht werden. Es gibt Kinder, die zuhause lieblos oder brutal behandelt werden. Es gibt Eltern, die ihren Kindern das Schlimmste antun. Wir müssen hinschauen, wenn Eltern versagen, und wir müssen ihnen Hilfe anbieten. Vor allem aber müssen wir uns den Kindern zuwenden, wir müssen ein Netz knüpfen, das sie trägt und schützt. Dafür brauchen wir aufmerksame Mitmenschen, engagierte Erzieherinnen und starke Jugendhelfer. Dafür brauchen wir Orte, die zum zweiten Zuhause für Kinder werden können, und Stellen, die überforderten Eltern Rat und Unterstützung bieten ...

Dabei ist mir wichtig: Die Diskussion darf nicht Eltern gegen Kinderlose, Junge gegen Alte ausspielen. Es gibt viele Gründe, warum Menschen keine Kinder haben. Und es gibt viele Kinderlose, die sich für Kinder engagieren: Denken wir an den Nachbarn, der babysittet; an die Tante, die Nachhilfeunterricht erteilt; an den spendablen Patenonkel; den Betreuer im Sportverein. Und die Bindungen zwischen den Generationen sind nicht auf Familienbande beschränkt: Ehrenamtliche Omas holen Kinder von der Schule ab, Rentner helfen, Spielplätze anzulegen und zu pflegen. Da passiert viel - zum Beispiel auch in Mehrgenerationenhäusern, wie ich selbst erlebt habe.

Es ist höchste Eisenbahn, dass das Thema "Familie" jetzt endlich breit diskutiert wird. Dafür haben sich nicht zuletzt die Kirchen lange eingesetzt und dafür gebührt ihnen unser Dank. Jetzt gilt es, echte Verbesserungen zu erreichen - auf allen Ebenen und mit Hilfe aller. Jeder Einzelne ist gefragt, wenn es um ein besseres Klima   für Kinder und Eltern geht.

'Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen'

- diese afrikanische Weisheit wird inzwischen auch bei uns von vielen verstanden. Das zeigen beispielsweise die "Lokalen Bündnisse für Familien", die überall im Land entstehen. Da sprechen Unternehmen mit den Trägern von Kindergärten über die Öffnungszeiten, da werden Ideen für familienfreundliches Wohnen entworfen, da redet die Polizei mit den Eltern über sichere Schulwege. Ich wünsche mir überall in unserem Land solche Bündnisse, die unsere gemeinsame Verantwortung für Familien und Kinder konkret machen.

Ich wünsche mir ein Land, in dem Eltern nicht böse angeschaut werden, wenn ihre Kinder im Museum oder im Zug mal etwas lauter sind. Nicht, dass Kinder alles dürfen sollen. Sie brauchen Grenzen, sie sollen Respekt und Umgangsformen lernen. Aber sie sollen Kind sein dürfen.

Und Eltern sollen mitten in der Gesellschaft leben können, mit Nachbarn und Vermietern, für die Kinder nicht ein unzumutbares Ärgernis sind. Ich wünsche mir mehr Rücksicht und Verständnis für Kinder, mehr Wärme und Aufmerksamkeit für Familien. Kinder und Eltern müssen bei uns spüren: Ihr seid uns willkommen, Ihr seid wichtig, wir helfen Euch! Das gilt besonders auch für Familien, in denen Kinder mit Behinderung aufwachsen, weil sie es schwerer haben als andere.

Machen wir Deutschland also zu einem Land, in dem Kinder selbstverständlich sind - und wer weiß, vielleicht werden am Ende doch mehr als 700.000 dazu kommen."